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Der Polarisierer

Seine konsequente Verweigerungshaltung irritierte

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Einzelgänger und Versager

Bernhards Helden sind Einzelgänger, die die Masse verachten, weil die Masse sie verachtet. Sie sind Künstler wie der Maler Strauch in Frost oder Wissenschaftler wie Konrad in dem Roman Das Kalkwerk (Frankfurt/Main 1970), die ihrer Tätigkeit weitab vom offiziellen Wissenschafts- und Kunstbetrieb nachgehen. Ihnen ist die Vollendung eines Werks meist versagt. Sie werden verrückt wie Karrer in der Erzählung Gehen (Frankfurt/Main 1971) oder begehen Selbstmord wie Roithamer, Protagonist in dem Roman Korrektur (Frankfurt/Main 1975), der für seine Schwester in der Mitte eines riesigen Waldes einen Kegel als ideales Wohnhaus errichtet hat. Der Anblick des vollendeten Werks, das der Schwester den Tod bringt, bedeutet auch für Roithamer das Ende. In der Komödie Die Macht der Gewohnheit (Frankfurt/Main 1974) scheint das Motiv des Scheiterns ins Skurrile gewendet: Eine Zirkustruppe bemüht sich seit 22 Jahren erfolglos, Schuberts Forellenquintett einzustudieren.

Die Texte Bernhards erfordern durchgehend auch die kritische Prüfung literarischer Klassifikationen. Ist es eine Komödie? Ist es eine Tragödie? lautet der Titel einer Erzählung in dem Band Prosa (Frankfurt/Main 1967). "Es ist alles lächerlich, wenn man an den Tod denkt", das ist der - recht banale - Leitsatz der 1968 viele schockierenden Preisrede anlässlich der Verleihung des Förderungspreises für Literatur durch das österreichische Bundesministerium für Unterricht und Kunst und zugleich auch die existenzielle Einsicht, die Bernhards sämtliche Werke durchzieht. Bis etwa 1975 ist "Tod" ein Hauptwort Bernhards, danach dominiert Grotesk-Komisches und Lächerliches in seinem Werk. Deutlich erkennbar wird dies an den 104 Anekdoten Kleistschen Zuschnitts in Der Stimmenimitator (Frankfurt/Main 1978), die einen Vergleich mit den an Kafka erinnernden Kurzparabeln in dem Bändchen Ereignisse (Berlin 1969; entstanden 1957) lohnen.

Mit der Publikation seiner autobiografischen Texte ab 1975 schien der Kritik auch ein willkommener Anlass vorzuliegen, im Schaffen Bernhards einen Wandel zu konstatieren, den sie als einen Abschied von der Künstlichkeit und eine Hinwendung zur schonungslosen Selbstdarstellung und verstörenden Authentizität vermerkte. Doch ist nicht zu übersehen, dass auch diese Autobiografie Bernhards Sprachduktus folgt und darin ebenso das Extremvokabular der Superlative und Ausschließlichkeiten dominiert, wenn auch sein Stil schlichter und distanzierter geworden ist; hier wird kein biografisch geschlossenes Kontinuum geboten, sondern vielmehr werden, wie Bernhard selbst sagt, "Möglichkeitsfetzen von Erinnerung" zusammengetragen.

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