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Der gläserne Mensch

Grenzenlose Überwachung im Internet oder notwendige Veränderung?

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In der Geschichte zeigt sich, dass sowohl in sehr restriktiven als auch demokratischen Ländern Überwachungen sich entwickeln konnten. Allerdings müssen nicht alle Veränderungen negativ sein, denn durch die Entwicklung des Internets und vielseitiger Kommunikationswege genießen viele Menschen mehr Freiheiten als je zuvor. Abzuschätzen bleibt, ob es dabei eine Balance zwischen Nutzen und Schaden gibt oder ob Staaten und Unternehmen einen zu großen, unnötigen Zugriff auf persönliche Daten besitzen.
 
1. Datenschutz bis zum Internetzeitalter
Der Datenschutz umfasst laut Definition des Bundesdatenschutzes personenbezogene Daten:
 
„(1) Zweck dieses Gesetzes ist es, den Einzelnen davor zu schützen, dass er durch den Umgang mit seinen personenbezogenen Daten in seinem Persönlichkeitsrecht beeinträchtigt wird.
(2) Dieses Gesetz gilt für die Erhebung, Verarbeitung und Nutzung personenbezogener Daten.“
 
 
Der erste Datenschutz gründete sich vermutlich um 800 vor Christus mit der ärztlichen Schweigepflicht und dem Beichtgeheimnis, welches 200 nach Christus entstand. Der Eid des Hippokrates gilt als Grundlage der heutigen Regelungen und besagte unter anderem, dass der behandelnde Arzt alle vertraulichen Informationen, die er während und außerhalb der Behandlung erfährt, als Geheimnis zu wahren habe. Persönliche und intime Auskünfte sollen einzig der Genesung dienen. 1948 entstand mit der Deklaration von Genf des Weltärztebundes eine angepasste Form des Eides. Ausnahmen bestehen bei meldepflichtigen Krankheiten, schweren Verbrechen wie Kindesmisshandlung oder Kindesmissbrauch oder geplanten schweren Straftaten oder als Mittel zur Gefahrenabwehr durch den Patienten.
 
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Der gläserne Mensch

Ein Priester kann die Aussage verweigern.

Das Beichtgeheimnis besteht seit den frühen Anfängen der christlichen Kirche, in welcher der Beichtvater zum unbedingten Stillschweigen verpflichtet ist. Das Geheimnis gilt seit 1215 verbindlich für die gesamte römische Kirche und wird bei Verletzung mit der Exkommunikation bestraft, dem Ausschluss aus der Glaubensgemeinschaft. Priester und weitere Seelsorger können selbst bei der Entbindung durch den Beichtenden nicht gezwungen werden, vor Gericht gegen den Angeschuldigten auszusagen. Selbst bei Kapitalverbrechen wie Mord oder Menschenraub muss der Geistliche nicht sprechen.
 
In der amerikanischen Verfassung beinhaltet der Zusatzartikel IV einen Großteil des Rechtes auf Sicherheit von Person und Eigentum. 1890 definierte das Warren und Brandeis Konzept das „right to be alone“, das Recht auf Privatsphäre, dass sich im Common Law jedoch so nicht wiederfinden sollte. In den Vereinigten Staaten von Amerika ging es eher um den Schutz vor Einmischung des Staates in das Privatleben der Bürger, woraus kein Anspruch auf Schutz vor Datensammlungen oder Abhörungen besteht. Wichtig ist das Prinzip „notice and choice“, in dem Unternehmen Datenverarbeitungen offen legen und Kunden entscheiden, ob sie damit einverstanden sind. Auch Behörden müssen Privatpersonen ihre gesammelten Daten vorzeigen, wenn diese es verlangen. Doch nicht alle Bereiche sind dabei mit einbezogen und in vielen Fällen können geringfügige Gründe zur Datenbeschlagnahmung führen. Informationen zu Unterschieden zwischen den USA und Europa gibt es in diesem Artikel
 
1970 führte das Bundesland Hessen als erstes Land ein Datenschutzgesetz ein, das Bürger vor der Informationsmacht staatlicher Institutionen schützen sollte. Seit 1978 treffen sich die Datenschutzbeauftragten von Bund und Ländern alle zwei Jahre zu einer Konferenz und geben neue Beschlüsse oder Entschließungen bekannt, nachzulesen auf der Homepage des Bundesbeauftragten für Datenschutz und Informationsfreiheit
Durch die Entwicklung moderner Kommunikationstechnologien und der Verbreitung des Internets mussten Anpassungen erfolgen. 2009/2010 gab es umfassende Änderungen:
 
  • strengere Regeln für den Adresshandel
  • Verschärfte Anforderungen an die Auftragsdatenverarbeitung (Call Center, Rechenzentren)
  • Aufnahme einer Grundsatzregelung zum Arbeitnehmerdatenschutz
  • Ausbau der Sanktionsmöglichkeiten der Datenschutzbehörden
  • Stärkung der betrieblichen Datenschutzbeauftragen
 
Personenbezogene Daten sollten dadurch noch umfassender geschützt sein.
 
Die europäische Datenschutzrichtlinie trat 1995 in Kraft und beinhaltet den Schutz natürlicher Personen bei Verarbeitung personenbezogener Daten und dem freien Datenverkehr. Die Umsetzung soll in nationalen Gesetzen erfolgen, doch die Mitgliedsstaaten legen die Richtlinie unterschiedlich aus. Ein wichtiger Punkt ist der, dass die Verarbeitung der Daten auch außerhalb der Union nicht zulässig sind oder nur dann, wenn der Schutz zu gewährleisten ist. Besonders knifflig sind die Regelungen für Einwilligungen, Berechtigungen und Unternehmen, sowie die zunehmende Digitalisierung. Eine große Veränderung ist die sogenannte Cookie-Richtlinie, welche das bewusste Zustimmen der Nutzer von Cookies auf den Webseiten beinhaltet und von Deutschland bis 2014 nicht vollzogen war. 
 
2. Soziale Netzwerke, Onlineshops und Glücksspiel
Die strengen Regelungen und Richtlinien innerhalb der Nationalstaaten oder der Europäischen Union können Privatpersonen vor allem im Internet nicht umfassend schützen. Wer sich zum Beispiel bei dem sozialen Netzwerk Facebook anmeldet, stimmt den AGBs zu, welche die Datenweitergabe und -verwendung an die USA vorsieht. Datingseiten nutzen die Informationen, um entweder passende Partner zu finden oder Kontaktanzeigen öffentlich zu machen. Mit Hilfe dieser Informationen lassen sich aber ebenfalls personalisierte Werbeanzeigen oder zusätzliche Angebote schalten. Daten sind nützlich, denn persönliche Vorlieben, Wünsche, Interessen sind ein Pool aus Informationen, die für Werbung und Verkauf eine Goldgrube darstellen. Jeder Nutzer willigt in die AGBs ein, doch das Ausmaß der Verwendung ist oft nicht ersichtlich. Auch wenn über soziale Netzwerke viele Kontakte, Kommunikation und Austausch zustande kommen, sollten Nutzer mit ihren Daten vorsichtig umgehen und nur das preisgeben, was sie in der Öffentlichkeit vertreten können.
 
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Der gläserne Mensch

Persönliche Daten sind in vielen Apps gespeichert.

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