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Das Wort des Monats August 2003

Schill Out

Im September 2001 war er auf dem Höhepunkt seiner Karriere angelangt: Ronald Barnabas Schill, der Gründer der "Partei Rechtsstaatlicher Offensive" erreichte mit seinen Gefolgsleuten auf Anhieb fast 20 Prozent der Stimmen bei der Hamburg-Wahl und wurde nach schwierigen Koalitionsverhandlungen zum Innensenator von Hamburg gewählt. Eine Koalition aus CDU, FDP und Schill-Partei löste damit die SPD ab. Von Anfang an regte sich Widerstand gegen den als "Richter Gnadenlos" bekannten Neupolitiker und seine Partei. So richteten etwa die Hamburger Jusos die Seite mit der aussagekräftigen URL www.schill-out.de ein.
Am 19. August 2003 fand die politische Karriere von Herrn Schill ein jähes Ende: Der Bürgermeister von Hamburg, Ole von Beust, berichtete, dass Schill versucht habe, ihn zu erpressen. Schill habe ihm gedroht : "für den Fall der Entlassung des Staatsrates öffentlich publik zu machen, dass ich meinen angeblichen Lebenspartner, den Justizsenator Dr. Kusch, zum Senator gemacht habe und damit Privates und Politisches verquickt habe. Ich habe daraufhin Herrn Schill meines Büros verwiesen. Seine Behauptung ist falsch und die Drohung ist ungeheuerlich." Nach Bekanntgabe der Entlassung jubelten zahlreiche Schill-Gegner, die sich zu spontanen Schill-Out-Feiern trafen.
Und so begründete Marcus Köhler, der Gewinner im August, seine Wahl: Für mich ist Schill Out das Wort des Monats, denn was sich im August dieses Jahres im Hamburger Senat abspielte, war bestes politisches Schmierenkino. Innensenator Schill wollte die Entlassung seines Staatsrats Walter Wellinghausen verhindern und drohte Bürgermeister Ole von Beust mit der Bekanntmachung von dessen angeblicher Homosexualität und damit verbundenen Vetternwirtschaft. Ein Erpressungsversuch wie in einem Mafiafilm oder einem Szenario aus der Fernsehserie "Die Affäre Semmeling". Der anschließende Rauswurf und die öffentliche Bloßstellung von Ronald Barnabas Schill waren allerdings weit mehr als eine Hamburger Provinzposse: Sie bedeuteten das Ende einer politischen Ära. "Schill Out" meinte schließlich nicht nur die Entlassung des Innensenators aus seinem Amt, sondern die Existenzkrise einer ganzen Partei, die sich ihrer Namensgebung durch den einstigen Parteigründer am liebsten hätte entledigen wollen. Die schwere Rathauskrise brach letztlich aber nicht nur dem berüchtigten "Richter Gnadenlos" politisch endgültig das Genick, sondern sorgte für tiefe, lang anhaltende Verstimmungen in der aktuellen Hamburger Koalition: "Schill Out" also auch auf höchster hanseatischer Regierungsebene.
Vielen Dank an die zahlreichen Teilnehmer an unserer Aktion “Wort des Monats“. Senden Sie uns auch im September wieder Ihren Vorschlag mit einer Begründung an die bekannte Email-Adresse: wortdesmonats@wissen.de. Wie üblich gibt es auch im September einen Wahrig: Deutsche Rechtschreibung zu gewinnen wir freuen uns auf Ihre Einsendung und wünschen viel Erfolg!

Dietmar Hefendehl
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