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"Das darf nie wieder geschehen" – der Atombombenabwurf auf Hiroshima

Am 6. August 1945 fiel die Bombe, die die Welt für immer veränderte: Zum ersten Mal wurde eine Atombombe in einem Krieg eingesetzt. Innerhalb von Sekunden verwandelte sie die japanische Stadt Hiroshima in eine tödliche Hölle aus Feuer, Strahlung und radioaktivem Regen. Der Abwurf der Atombombe auf Hiroshima und drei Tage später auf Nagasaki ist bis heute eine eindringliche Mahnung gegen nukleare Waffen und Atomkrieg.

Die japanische Stadt Hiroshima am frühen Morgen des 6. August. Mit blauem Himmel und strahlender Sonne kündigte sich ein heißer Sommertag an, für die Bewohner schien es Morgen wie jeder andere – noch. Kurz nach 08:00 Uhr hörten einige von ihnen das charakteristische Brummen eines Flugzeugs. "Ich erinnere mich, dass ein Flugzeug von links hinter den Bergen auftauchte. Ich dachte noch, dass es seltsam ist, ein Flugzeug so ganz allein fliegen zu sehen und erkannte, dass es eine B-29 war", erzählt Toshiko Saeki. Die damals 26 Jährige war auf dem Heimweg nach Hiroshima, als die Bombe fiel.

Der US-Bomber Enola Gay vor dem Abflug nach Hiroshima.
Der US-Bomber Enola Gay vor dem Abflug nach Hiroshima.

Wenige Sekunden später, um 08:15 Uhr und 17 Sekunden Ortszeit warf die Besatzung des US-Bombers Enola Gay ihre Fracht über dem Stadtzentrum von Hiroshima ab: die Atombombe Little Boy, die erste nukleare Waffe, die je gegen Menschen eingesetzt wurde. Als die Bombe in rund 600 Metern Höhe explodierte, löste sie ein Inferno aus: Rund 80.000 Menschen starben sofort, getötet durch den tausende Grad heißen Feuerball und die Druckwelle der Explosion. Ein Großteil der Innenstadt wurde in den ersten Sekunden dem Erdboden gleichgemacht.

"Ein schwarzer klebriger Regen"

Was die Explosion der Atombombe im Stadtzentrum von Hiroshima anrichtete, schildert später Isao Kita, ein damals 33-jähriger Angestellter des japanischen Wetterbüros. Er bemerkte von seiner Position auf einem rund 3,7 Kilometer entfernten Hügel, wie erst der grelle Blitz und dann wenige Sekunden später sengende Hitze aus Richtung der Stadt kamen. "Es war als wenn man direkt in einen Küchenofen schaute", berichtet er. Kurze Zeit später erreichte ihn die Schockwelle der Explosion.

Aufnahme des Atompilzes über Hiroshima am 6. August 1945.
Aufnahme des Atompilzes über Hiroshima am 6. August 1945.

Als Kita wenige Minuten später erneut auf die Stadt hinunter schaute, bot sich ihm ein schrecklicher Anblick: "Ich konnte sehen, dass sie komplett verloren war. Die ganze Stadt hatte sich in gelben Sand verwandelt." Zwischen den verbleibenden Trümmern brachen nun überall Feuer aus, dunkler Rauch stieg auf und bedeckte bald große Teile des Himmels. Dann begann es zu regnen:  "Es war ein schwarzer, klebriger Regen, der an allem hängenblieb", erzählt Kita. "Wenn er auf die Kleidung der Menschen fiel, färbte er sie schwarz. Auch an den Händen und Füßen klebte dieser Regen und konnte nicht abgewaschen werden."

"Das Wasser war voller toter Menschen"

Der damals 13-Jährige Yoshitaka Kawamoto war im Klassenraum seiner Schule, nur 800 Meter vom Zentrum der Explosion entfernt, als die Bombe fiel. Durch die Schockwelle brach die Schule über ihm zusammen und er wurde verschüttet. Erst nach einiger Zeit konnte er unter den Trümmern hervorkriechen. "Es war schrecklich, ich hatte Angst und konnte mich nicht bewegen. Als ich hochschaute, sah ich die Wolke, den Pilz, der im Himmel heranwuchs", erzählt der Hiroshima-Überlebende.

Ein Opfer der Atombombenexplosion in einem Behelfskrankenhaus im September 1945.
Ein Opfer der Atombombenexplosion in einem Behelfskrankenhaus im September 1945.

Stark verbrannt, taumelte der Junge Richtung Fluss. "Das Wasser war voller toter Menschen. Ich musste die Leichen beiseiteschieben, um das schlammige Wasser zu trinken. Damals wussten wir ja noch nichts von der Radioaktivität." Als Folge der Verstrahlung litt Kawamoto später unter einer schweren Strahlenkrankheit, er verlor alle Haare, seine Haut schälte sich. Doch Kawamoto hatte Glück im Unglück: Er gehört zu den Überlebenden.

Viele andere dagegen hatten keine Chance: Zwischen 90.000 und 160.000 Menschen starben nach dem Abwurf der Atombombe über Hiroshima an den Folgen der Strahlung. "Die Atombombe unterscheidet nicht, sie tötet jeden von kleinen Babys bis zu alten Leuten", sagt Isao Kita. "Und es ist kein leichter Tod. Es ist eine sehr grausame und schmerzhafte Art zu sterben."

"Wir dürfen nicht vergessen"

Heute, 75 Jahre nach dem Atombomben-Abwurf, erinnert in Hiroshima kaum mehr etwas an die Schrecken dieser Katastrophe – zumindest äußerlich. Die Stadt ist eine moderne japanische Metropole, in der nur  die Ruine des Friedensdenkmals von den Zerstörungen zeugt. Das auch als Atombombenkuppel bekannte Gebäude brannte bei der Explosion der Atombombe aus, und dient heute als Denkmal für den Atombombenabwurf.

Das heutige Friedensdenkmal von Hirishima inmitten der Zerstörung nach der Atombombenexplosion.
Das heutige Friedensdenkmal von Hirishima inmitten der Zerstörung nach der Atombombenexplosion.

Doch viele Überlebende und ihre Nachkommen leben bis heute mit der Angst vor den Spätfolgen der radioaktiven Verstrahlung, manche auch mit der Scham und der Trauer, als einzige ihrer Familie überlebt zu haben. "Manchmal habe ich schon gedacht, es wäre besser gewesen, wenn ich damals gestorben wäre", sagt die damals 26-jährige Toshiko Saeki. "Aber ich muss für all diejenigen weiterleben, die damals ihre Leben verloren. Unsere Erfahrungen dürfen nicht vergessen werden."

Der Überlebende Isao Kita sieht es ähnlich: "Dies darf nirgendwo auf der Welt noch einmal geschehen", sagt er. "Das sage ich nicht nur, weil ich ein japanischer Überlebender der Atombombe bin. Ich finde, dass Menschen auf der ganzen Welt dies laut sagen müssen."

Weitere Zeugnisse von Überlebenden des Hiroshima-Abwurfs können Sie auf der Website des Projekts "Voices of Hibakusha" vom Friedensmuseum in Hiroshima lesen.

NPO, 06.08.2020
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