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Was bringt der neue Antigentest?

Um die Corona-Pandemie einzudämmen und die gefürchtete "zweite Welle" zu verhindern, ist vor allem das Testen wichtig. Denn nur damit lässt sich frühzeitig erkennen, wer infiziert und damit ein potenzieller Überträger des Coronavirus ist. Jetzt ist ein neuer Schnelltest auf den Markt gekommen, der SARS-CoV-2 innerhalb von nur 15 Minuten nachweisen kann. Was aber kann der Test? Und wie funktioniert er?

Symbolbild Schnelltest
Ein neuer Antigentest zeigt schon nach 15 Minuten, ob man mit SARS-CoV-2 infiziert ist.

Ob Reiserückkehrer, Schulkinder oder die Besucher von Veranstaltungen, Altenheimen und anderen potenziell riskanten Orten: In Zeiten der Corona-Pandemie ist es wichtig, eine Ansteckung durch SARS-CoV-2 zu verhindern – vor allem für die Angehörigen der Risikogruppen. Doch das geht nur, wenn ausreichend getestet werden kann. Denn nur wer weiß, das er infiziert ist, kann sich isolieren und andere schützen.

Der bisher gängige Virennachweis erfolgt über den sogenannten PCR-Test – dem "Goldstandard" der Testverfahren. Dabei werden Teile des Virenerbguts mithilfe der sogenannten Polymerase-Kettenreaktion (PCR) vermehrt und können dann direkt nachgewiesen werden. Der Test zeigt selbst kleine Mengen der viralen RNA an und hat eine geringe Fehlerrate. Der Nachteil jedoch: Diese PCR-Tests erfordern spezielle Laborgeräte und dauern mehrere Stunden. Bis dann der Befund bei der getesteten Person ankommt, können Tage vergehen.

Das aber bedeutet: Ein "eben schnell mal testen" - beispielsweise vor dem Besuch in einem Altersheim oder beim Krankenhauspersonal - ist mit diesem Test nicht machbar. Zudem ist die Kapazität für solche Tests in Deutschland zwar relativ hoch, aber dennoch begrenzt. Ende August wurden rund eine Million Tests pro Woche durchgeführt. Um jedoch regelmäßige Reihentests beispielsweise in Schulen, Fußballstadien oder bei Krankenhaus- und Pflegepersonal zu machen, reicht dies nicht aus.

Wie funktioniert ein Antigentest?

Eine mögliche Lösung wären Schnelltests in Form von Antigen-Nachweisen. Einen solchen Test hat nun der Pharmakonzern Roche in Deutschland auf den Markt gebracht. Diese Antigentests weisen nicht die Virengene nach, wie die PCR, sondern reagierten auf die Proteine von SARS-CoV-2. Möglich wird dies, weil in der Matrix dieser Schnelltests Antikörper sitzen - spezielle Moleküle, die wie ein Schlüssel zum Schloss an Teile dieser Proteine andocken können. Auch unser Immunsystem nutzt solche Antikörper, um das Coronavirus zu bekämpfen.

Im Unterschied dazu dienen die Antikörper im Antigentest aber nur dazu, die Präsenz des viralen Proteins nachzuweisen. Dafür wird zunächst ein Nasen- oder Rachenabstrich bei der Testperson gemacht und ein Tropfen des Sekrets auf den stäbchenförmigen Schnelltest geträufelt. Die Flüssigkeit diffundiert nun durch das mit Antikörpern versetzte Testgewebe im Inneren des Stäbchens. Sind Eiweiße von SARS-CoV-2 präsent, kommt es zu einer Bindung an die fest ins Testgewebe integrierten Antikörper. Dadurch färben sich angelagerte Markermoleküle um – es erscheint ein farbiger Strich.

Der Test dauert nur rund 15 Minuten und ist damit viel schneller als der PCR-Test. Zudem kann man ihn überall vor Ort durchführen, weil er keine Laborgeräte braucht und einfach zu handhaben und vergleichsweise günstig ist. Der Antigentest zeigt somit schnell und einfach an, ob ein Mensch akut mit SARS-VoV-2 infiziert ist oder nicht – egal ob er Symptome hat.

Wie verlässlich ist der neue Test?

Doch wie präzise und verlässlich ist das Ergebnis des Antigentests?  Roche hat dies durch Studien in Indien und Brasilien mit bisher rund 450 Probanden getestet. Nach Angaben des Herstellers liegt die Sensitivität demnach bei 96,52 Prozent. Das bedeutet, dass mit diesem Antigentest 96,5 Prozent aller Infizierten korrekt erkannt werden. 3,5 Prozent der Virenträger übersieht der Test jedoch. Gerade bei sehr geringen Virenmengen in der Probe reicht die Empfindlichkeit nicht aus.

Bei einem negativen Testergebnis bleibt damit ein kleines Restrisiko, dass man trotzdem das Coronavirus in sich trägt. "Ich habe mich getestet, aber das ist kein Beweis dafür, dass ich 100 Prozent negativ bin. Und ich muss mich deshalb trotzdem weiterhin vorsichtig verhalten", erläutert der Virologe Alexander Kekulé dazu in seinem Podcast.  Auch Roche weist darauf hin, dass zusätzlich zum Testergebnis auch immer weitere Faktoren wie die mögliche Exposition, Symptome und ähnliches berücksichtigt werden sollten.

Allerdings halten Kekulé und auch sein Kollege Christian Drosten von der Berliner Charité diese geringe Zahl falsch-negativer Ergebnisse für relativ unproblematisch. Denn die PCR, die als Vergleichsstandard gilt, weist auch noch Virenreste nach, die epidemiologisch nicht relevant sind, weil sie nach gängiger Annahme nicht für eine Ansteckung ausreichen. "So muss man sagen, bezogen auf die klinisch Kranken oder bezogen auf die, die infektiös sind, liegt möglicherweise die Sensitivität sogar bei fast 100 Prozent", sagt Kekulé.

Spezifität: Wie hoch ist die Zahl der falsch-Positiven?

Ein weiterer Wert, den Roche zum Test bekanntgibt, ist die Spezifität. Er gibt an, wie gut der Antigentest zwischen Proteinen von SARS-CoV-2 und ähnlichen Proteinen beispielsweise von Erkältungs-Coronaviren unterschieden kann. Kann ein Test dies nicht, kommt es zu vielen falsch-positiven Ergebnissen. Bei aktuellen Test jedoch liegt die Spezifität laut Roche bei 99,68 Prozent.

Auch wenn diese Werte vermutlich unter idealen Bedingungen erhoben wurden, ist das Risiko falsch-positiver Testergebnisse demnach sehr gering - wenn auch ein wenig höher als beim PCR-Test.

"Praktisch gesehen wird es so laufen, dass die, die im Schnelltest positiv sind, wenn sie sich vernünftig verhalten, hinterher noch mal einen Bestätigungstest im Labor machen und vielleicht mit einem Arzt sprechen, was sie jetzt machen sollen, da sie nun nachgewiesenermaßen dieses Virus haben", erklärt Kekulé. Eine Nachtestung mittels PCR könne dann klären, ob das Testergebnis stimmt oder nicht. Das Robert-Koch-Institut und Vertreter anderer Gesundheitseinrichtungen befürchten allerdings, dass ein zu hoher Anteil von Falsch-Positiven bei Massentestungen das Vertrauen der Bevölkerung in die Zuverlässigkeit solcher Tests unterminieren könnte.

Wo wird der Antigentest eingesetzt?

Der neue Antigentest wird bereits in großer Stückzahl produziert. Roche zufolge sollen weltweit monatlich weltweit 40 Millionen SARS-CoV-2-Schnelltests zur Verfügung stehen. Diese Kapazität werde sich bis Ende dieses Jahres mehr als verdoppeln, heißt es.

Allerdings: Frei in der Apotheke wird dieser Antigentest nicht verkauft. Denn in Deutschland verbietet dies die sogenannte Medizinprodukte-Abgabeverordnung. Nach dieser dürfen Tests auf meldepflichtige Krankheiten nur von Fachpersonal eingesetzt werden, in Arztpraxen, Kliniken und oder auch bei mobilen Testeinsätzen.  Weil der Test schnell und billig ist, lassen sich damit trotzdem auch größere Personenzahlen auf SARS-CoV-2 testen – beispielsweise Reiserückkehrer, Schulkinder, Besucher von Veranstaltungen oder Altenheimen..

Nach Ansicht von Epidemiologen könnten solche Massentestungen entscheidend dazu beitragen, die Corona-Pandemie einzudämmen. Eine US-Studie hat vor kurzem ermittelt, dass schon ein Schnelltest mit nur 70-prozentiger Sensitivität ausreichen würde, um Ausbrüche unter Studenten auf einem Campus zu verhindern. In ihrem Modell gingen sie dabei von Reihentests aus, die alle zwei Tage durchgeführt wurden.

NPO, 24.09.2020
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