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Corona-Masken: Kommunikation trotz Mundschutz?

Nach nun sechs Krisen-Monaten spüren wir weiterhin tagtäglich die Einschränkungen und Konsequenzen, die der Ausbruch der Pandemie mit sich bringt. Und das belastet - nicht nur persönlich, sondern auch unsere sozialen Interaktionen und Beziehungen. Obwohl das Tragen von Mund-Nasen-Bedeckungen im öffentlichen Leben allmählich zur Gewohnheit wird, untersuchen Studien bereits, was es für unsere Kommunikation bedeutet, wenn stets eine Gesichtsmaske getragen werden muss. Welche Folgen können hierbei in Bezug auf unsere sozialen Kontakte auftreten?

Paar mit Gesichtsmasken mit aufgemaltem Lächeln
Gar nicht so einfach: Mimik in Zeiten der Maske.

Die Verordnung, Gesichtsmasken zu tragen, soll dazu beitragen, die Verbreitung von COVID-19 einzudämmen. Das konsequente Tragen des Mundschutzes in der Öffentlichkeit stellt eine wesentliche Hygienemaßnahme dar, aber bedeutet gleichermaßen auch eine ständige Belastung für Viele. “Obwohl immer mehr Europäerinnen und Europäer solche Masken akzeptieren, haben viele das Gefühl, dass die soziale Interaktion durch das Tragen der Maske beeinträchtigt wird…”, gibt Psychologe Claus-Christian Carbon von der Universität Bamberg an.

Warum nonverbale Kommunikation eine so große Rolle spielt

Nonverbale Kommunikation impliziert, dass wir ständig über meist unbewusste Körpersignale, wie beispielsweise über ein Lächeln, Botschaften senden, selbst wenn wir schweigen oder einander nur kurz begegnen. Obwohl in Gesprächen meistens das Gesprochene im Vordergrund zu stehen scheint, werden durch die nonverbale Sprache Gefühle ausgedrückt, Betonungen gesetzt oder das Gespräch geregelt, weil sie aus unserem inneren Erleben heraus entsteht.

Untersuchungen zufolge wird eine Information nur zu sieben Prozent über den Inhalt, zu 38 Prozent über die Stimme und zu 55 Prozent über die Körpersprache vermittelt. Gefühle, Gedanken und Einstellungen, die sich in unserer Körpersprache und Stimme ausdrücken, beeinflussen sich gegenseitig und wirken somit gemeinsam.

Wie Gesichtsmasken mit gestörter Kommunikation zusammenhängen

Doch wie wirken sich die Gesichtsmasken auf diese nonverbale Kommunikation aus? Aufgrund dessen, dass die Masken Mund und Nase jedes Einzelnen verdecken, lassen sich für den Gegenüber häufig nur erschwert Körpersignale, Gesichtszüge oder Emotionen erkennen. Aber gerade diese begleiten die verbale Kommunikation maßgeblich. Während einerseits die Identifikation des anderen schwerfallen kann, da auffällige Erkennungsmerkmale im Mund-Nasenbereich nicht sichtbar sind, beeinflussen die Masken zusätzlich die Lesbarkeit der Gefühle eines Gegenübers, was eine gestörte Kommunikation zur Folge haben kann.

Zur Analyse der Auswirkungen von konsequentem Tragen der Gesichtsmasken haben Carbon und sein Team von der Uni Bamberg mithilfe einer Studie getestet, wie Emotionen von Menschen mit und ohne Maske wahrgenommen werden.

Erschweren es Masken Mimik zu erkennen?

Innerhalb der Studie bewerteten Testpersonen im Alter von 18 bis 87 Jahren verschiedene Stimmungen bei Personen, deren Gesicht sichtbar oder von einer Gesichtsmaske teilweise verdeckt wurden. Hierzu gaben die Forschenden Emotionen wie Trauer oder Freude vor, die von den Probanden interpretiert werden mussten.

Und die Ergebnisse überraschen nicht: Deutlich wurde, dass durch das Tragen der Masken “das emotionale Lesen der Studienteilnehmerinnen und -teilnehmer stark beeinträchtigt” wurde, so Carbon. Insgesamt vier von sechs Emotionen wurden beim Tragen einer Maske prozentual deutlich seltener erkannt. Die Studien ergaben außerdem, dass zwischen den Geschlechtern, dem Alter der Testpersonen und je nach betrachteter Emotion unterschiedliche Probleme bei der Erkennung auftraten.

Unterschiede zwischen Frauen und Männern

So sind zum Beispiel junge Frauen deutlich besser in der Lage ein wütendes Gesicht ohne Gesichtsmaske zu erkennen, während junge Männer Wut bei Maskenträgern sogar besser deuten können. Große Schwierigkeiten bestanden unter anderem bei älteren Männern, die die Emotion Ekel aufgrund der verdeckten Mund-Nase-Partie nur noch zu 25 Prozent statt zu etwa 90 Prozent erkannten. Gerade Emotionen wie Freude, bei denen insbesondere die Mundpartie eine Rolle spielt, wurden durch das Tragen von Masken erschwert wahrgenommen.

Aber was ist Grund für diese falschen Wahrnehmungen? Nach wissenschaftlicher Erklärung hängen die Fehlinterpretationen damit zusammen, dass Empfindungen nur ungenau erkannt werden und man dann der eigenen Einschätzung misstraut. Einzelne Emotionen wurden von den Versuchspersonen dadurch falsch interpretiert, “der emotionale Zustand wurde also gar nicht wahrgenommen”, erklärt Carbon. Die  Qualität der Kommunikation ist demnach durchaus von der Gesichtsanalyse abhängig.

Empfehlungen im Umgang mit Gesichtsmasken

Was aber kann man tun, um nicht ständig Emotionen anderer misszuverstehen und selbst missverstanden zu werden? “Wir können die Unfähigkeit, Emotionen zu lesen, ausgleichen”, versichert Carbon. Für eine funktionierende Interaktion müssten wir uns angewöhnen, verstärkt mit Gestik und verbaler Sprache zu arbeiten. Insbesondere Emotionen wie Ekel, Glück, Trauer und Wut bergen die Gefahr missverstanden zu werden oder gar unerkannt zu bleiben. Statt verzweifelt den Gesichtsausdruck des Gegenübers zu deuten zu versuchen, empfiehlt der Psychologe, sich auch die Hintergründe des Gesprächs und die Entwicklung der Gefühle auszumalen.

Die Studienergebnisse bestätigen, dass das Tragen der Gesichtsmasken starke Einschränkungen in der Deutung von Gesichtsausdrücken auslösen können und es für eine erfolgreiche Verständigung auch darauf ankommt, inwiefern Gesichtspartien wie die Augen unsere Emotionen widerspiegeln. Bedeutsam wird es also, gerade zu Zeiten der Pandemie, seinem Gegenüber seine Emotionen stets auch über die Körpersprache und Wortwahl deutlich zu machen und uns gegenseitig dabei zu unterstützen, die Verständigung möglichst einfach zu gestalten.

ABO, 22.07.2020
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