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Containerschiffe: Die Weltwirtschaft steht im Stau

Wer sich neue Technik oder beispielsweise ein Fahrrad bestellen will, muss aktuell mit etwas längeren Lieferzeiten rechnen. Das liegt unter anderem am großen Containerstau, der im Moment weltweit ganze Lieferketten verzögert. Aber wie schlimm ist die Situation an den Häfen? Und worauf warten die Schiffe?

Containerhafen von Hongkong
Der Corona-Ausbruch sorgte auch in den großen südchinesischen Häfen dafür, dass die Abfertigungszeiten der Containerfrachter in die Höhe schnellten.

Stau nervt. Ob auf der Autobahn oder in der Schlange vom Schnelltestzentrum: Niemand hat wahrscheinlich besonders viel Freude daran, zu warten. Wenn wir dann noch auf dem Weg zu einem Termin oder einer Verabredung sind, kann es passieren, dass sich die Verspätung auf andere Personen und Folgetermine überträgt. Durch den anfänglichen Stau haben sich dann weitreichende Probleme und Verzögerungen ergeben.

Ungefähr so geht es aktuell in großen Teilen der Weltwirtschaft zu. Der Stau, der hierfür verantwortlich ist, befindet sich auf dem Meer und in den weltweit wichtigsten Häfen. Wenn es hier zu Problemen kommt, ist das fast überall zu spüren. Immerhin werden über 90 Prozent der interkontinental gehandelten Güter per Schiff transportiert. Auch zwei Drittel der deutschen Exporte verlassen über den Seeweg das Land.

Wie schlimm ist der Stau im Moment?

Um festzustellen, wie schlimm genau die Verzögerungen im weltweiten Handel durch den Containerstau aktuell ist, hat das schweizerische Logistikunternehmen Kühne + Nagel kürzlich den „Global Disruption Indicator“ veröffentlicht. Genauer gesagt zeigt der Indikator, wie viele Container aktuell wie viele Tage lang vor einem Hafen auf den Einlass warten. Wenn beispielsweise ein Schiff mit 10.000 Containern fünf Tage warten muss, bekommt der entsprechende Hafen einen Wert von 50.000 Tagen auf seine „Container-Wartezeit“ dazugerechnet.

Kühne + Nagel berücksichtigen in ihrem Index neun der weltweit wichtigsten Häfen. Zu diesen zählen unter anderem die chinesischen Häfen von Honkong und Schanghai, sowie die der US-amerikanischen Städte Los Angeles und Savannah. Besonders letztere sind aktuell stark überlastet.

Die Container-Wartezeit aller neun Häfen liegt zusammengerechnet aktuell bei knapp über 11,5 Millionen Tagen. Laut dem schweizerischen Logistikunternehmen sind die nordamerikanischen Häfen allein für etwa 80 Prozent davon verantwortlich. Zum Vergleich: In „normalen Zeiten“ liegt der summierte Verzögerungs-Indikator der neun Häfen bei unter einer Millionen Tage.

Containwerhäfen von Long Beach (im Vordergrund) und Los Angeles
Die Häfen von Long Beach und Los Angeles zählen seit Jahren zu den Nadelöhren des Welthandels.

Was hat den Stau verursacht?

Der Grund für die aktuellen Verzögerungen ist kurz gesagt: die Corona-Pandemie. Neben allgemeinen Reisebeschränkungen hat besonders die chinesische Zero-Covid-Strategie einen entscheidenden Anteil am Containerstau. Im Jahr 2021 wurden mehrere chinesische Häfen eine Zeit lang komplett oder zumindest teilweise gesperrt, weil sich Hafenarbeiter mit dem Virus angesteckt hatten. Die angemeldeten Containerschiffe mussten deshalb teils wochenlang auf See warten, bevor sie abgeladen wurden.

Da die dadurch angestauten Container nach der Öffnung der Häfen aber schnell abgearbeitet wurden, kam es dann an den Folgehäfen zu Überlastungen. Das zeigt auch eine Statistik des Kieler Instituts für Weltwirtschaft. In den Monaten, in denen der Stau vor den chinesischen Häfen weniger geworden ist, stieg die Überlastung des Hafens in Los Angeles – und umgekehrt.

Wie geht es weiter?

Ob und wann sich die Situation wieder beruhigt ist aktuell schwer vorherzusehen. Laut dem Institut für Weltwirtschaft spielt vor allem der Verlauf der Omikron-Welle in China hierbei eine entscheidende Rolle. Wenn es wieder zu Schließungen von Häfen kommt, kann sich das erneut auf die weltweiten Lieferketten auswirken.

Der hintere Teil dieser Lieferketten ist übrigens auch nicht ganz unbeteiligt an dem Containerstau. Da es mancherorts an LKW-Fahrern mangelt, können die Güter nicht immer zeitnah von den Häfen abtransportiert werden. So blockieren sie beispielsweise Lagerräume an den Umschlagplätzen. Außerdem dauert es dadurch länger, bis die Container geleert und wieder einsatzbereit sind.

JFL, 09.02.2022
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