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Chinas Sozialkreditsystem - zufriedene Überwachte

Im Rahmen eines gigantischen sozialen Bewertungssystems sollen in China künftig alle Bürger lückenlos überwacht werden: Verhalten sie sich anständig und bezahlen sie ihre Rechnungen pünktlich? Was für uns nach einem inakzeptablen Eingriff in die Privatsphäre klingt, kommt bei den Betroffenen selbst offenbar gut an, wie eine Umfrage zeigt. Demnach lassen sich viele Chinesen schon jetzt freiwillig bewerten - in der Hoffnung, im Alltag davon zu profitieren.

Junge Chinesin mit Smartphone
Bewertungssysteme beeinflussen schon heute die Alltagsentscheidungen vieler Chinesen.
Wer seine Rechnungen zu spät bezahlt, darf nicht mehr Zug fahren. Wer bei Rot über die Ampel geht, wird öffentlich an den Pranger gestellt. Was für uns befremdlich klingt, wird in China bald Realität sein: Bis 2020 - so der Plan der chinesischen Regierung - soll das Verhalten aller Bürger, Unternehmen und Organisationen verpflichtend mit einem sogenannten Sozialkreditsystem bewertet werden. Über ein Punktekonto lässt sich dann beispielsweise das Sozialverhalten oder die Kreditwürdigkeit jedes Chinesen direkt erkennen.

In mehr als 40 Städten testet die chinesische Regierung schon jetzt, wie "aufrichtig" ihre Bürger sind. Besonders vorbildliche Personen oder Firmen werden in diesen Teststädten auf sogenannten roten Listen gewürdigt, "unaufrichtige" auf schwarzen Listen publik gemacht. Zudem gibt es einige kommerzielle Anbieter, die die Teilnahme an einem Sozialkreditsystem auf freiwilliger Basis anbieten. Dabei wird das Verhalten der Bürger bewertet, die abhängig von ihrem Punktestand Vorteile gewährt oder Nachteile verhängt bekommen.

Freiwillig dabei

Bei uns, aber auch in einigen chinesischen Medien wird aus naheliegenden Gründen Kritik an dieser Praktik geübt. Doch wie bewerten die Betroffenen selbst den massenhaften Eingriff in ihre Privatsphäre? Um das herauszufinden, haben Wissenschaftler um Genia Kostka von der Freien Universität Berlin nun 2.209 Chinesen online dazu befragt. Die für chinesische Internetnutzer zwischen 14 und 65 Jahren repräsentative Umfrage förderte überraschende Erkenntnisse zutage.

So zeigte sich: Obwohl sie es noch gar nicht müssen, nehmen etliche Chinesen bereits freiwillig an einem Sozialkreditsystem teil. Demnach gaben 80 Prozent an, Teil eines kommerziellen Punkteprogramms zu sein. Nur sieben Prozent erklärten, in einem von Lokalregierungen organisierten und oft verpflichtenden Pilotprogramm aktiv zu sein.

Große Zustimmung

Angesichts dieser Zahlen scheint wenig verwunderlich, dass ein Großteil der Befragten den Sozialkreditsystemen gegenüber positiv eingestellt ist: In städtischen Regionen liegt die Zustimmungsrate bei 82, in ländlichen Gegenden immerhin noch bei 68 Prozent. Eine niedrige Bewertung wirkte sich dabei erstaunlicherweise nicht signifikant auf die persönliche Meinung zum Bewertungssystem aus, wie die Forscher berichten.

Den Unterschied zwischen Stadt und Land erklären sie sich dadurch, dass Städter besonders von einer guten Bewertung profitieren. So gaben etwa 40 Prozent der befragten Stadtbewohner an, dass sie aufgrund ihrer hohen Punktezahl keine Kaution bei den in chinesischen Städten weit verbreiteten Sharing-Diensten hinterlegen müssten - etwa für die Nutzung von Fahrrädern und Autos. Auch von Belohnungen wie einer bevorzugten Behandlung bei Check-Ins oder besseren Bankkonditionen profitieren Städter häufiger, fanden Kostka und ihre Kollegen heraus.

Verlässliche Information?

Diese Ergebnisse zeigen: Statt als Überwachungsinstrument scheinen die Befragten das Sozialkreditsystem vielmehr als Möglichkeit zur Verbesserung der Lebensqualität und zur Schließung institutioneller und regulatorischer Lücken anzusehen. Denn wie die Forscher betonen, gibt es in China zum Beispiel kein einheitliches Kreditauskunftssystem und die Durchsetzung vieler Gesetze ist mangelhaft.

"In einem Land, in dem die Verbraucher über giftige Babymilch oder kontaminierte Erdbeeren besorgt sein müssen oder Internetbetrüger Hunderttausende von Menschen schikanieren, wird das Sozialkreditsystem als Plattform für verlässliche Information wahrgenommen. Die in westlichen Ländern geübte Kritik an der Sammlung persönlicher Daten rückt damit in China in den Hintergrund", erklärt Kostka.

Merklicher Einfluss

Zwar ist auch klar, dass die Ergebnisse der Umfrage unter Vorbehalt betrachtet werden müssen. Viele Befragte seien bei ihrer Online-Bewertung der Sozialkreditsysteme möglicherweise sehr, sehr vorsichtig gewesen, sagt Kostka. Die positive Meinung zu den Bonitätssystemen habe sich aber auch in persönlichen Interviews bestätigt, die mit chinesischen Bürgern vor Ort geführt worden seien.

Außer Frage scheint jedenfalls zu stehen, dass die Bewertungssysteme die Menschen in China schon jetzt erheblich in ihren Alltagsentscheidungen beeinflussen. Der Studie zufolge machen 72 Prozent der Befragten ihre Kaufentscheidungen davon abhängig, wie die Sozialkredit-Bewertung des Unternehmens ist, das die Produkte oder Services anbietet. 18 Prozent haben ihr Posting-Verhalten in sozialen Netzwerken verändert - und möglicherweise "schädliche" Kontakte vorsorglich entfernt.

Freie Universität Berlin / DAL, 30.08.2018
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