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Charles Darwin veröffentlicht „Die Abstammung des Menschen“

Charles Darwin gilt als der Vater der Evolutionstheorie und als einer der wegweisendsten Naturwissenschaftler überhaupt. Am 24. Februar 1871 – vor 150 Jahren – veröffentlichte er sein vielleicht gewagtestes Werk: das Buch "Die Abstammung des Menschen". In diesem legte der Naturforscher dar, dass Vorformen des Menschen in Afrika entstanden und sich dann langsam weiterentwickelt haben – eine für damalige Zeit bahnbrechende Vorstellung.

Darwin-Karikatur von 1871 und Porträtfoto von 1868
Die berühmte Darwin-Karikatur war eine Reaktion auf Darwins Veröffntlichung "The Descent of Man", rechts der Naturforscher in einer 1868 entstandenen Aufnahme von Julia Margaret Cameron.

 

Der britischen Naturforscher Charles Darwin hat unsere Sicht auf die Natur und die Entwicklung der Lebenswelt auf unserem Planeten für immer verändert. Denn er war der erste, der die Prinzipien der Evolution beschrieb und die gemeinsame Abstammung aller Organismen aus gemeinsamen Vorfahren postulierte und in einer in sich schlüssigen Theorie ausführte.

Affenwesen und "Wissenschaftsmärchen"

Schon Darwins 1859 veröffentlichtes Werk "Über die Entstehung der Arten" sorgt für heftige Diskussionen und Widerstand – vor allem von Seiten der Kirche und konservativer Gesellschaftsschichten, aber auch von einigen Forscherkollegen. Einige wehrten sich gegen die Vorstellung, dass eine Art aus einer anderen entstehen kann, andere akzeptierten zwar die Evolution an sich, kritisierten aber das Prinzip der natürlichen Selektion als "Wissenschaftsmärchen".

Diese Reaktionen zeigen, wie weit die von Darwin postulierten Thesen dem gängigen Weltbild seiner Zeit widersprachen. Obwohl der Forscher in seinem ersten Hauptwerk mit keinem Wort auf die Evolution des Menschen einging, erschienen bereits Karikaturen, die Darwin als Affenwesen zeigten. Insofern wundert es kaum, dass Darwin bis zum Jahr 1871 wartete, um seine Theorien auch detaillierter auf die Entwicklung unserer eigenen Spezies anzuwenden.

"Zorn, Erstaunen und Bewunderung"

Am 24. Februar 1871 veröffentlicht Charles Darwin dann sein Werk: "Die Abstammung des Menschen und die geschlechtliche Zuchtwahl". Das Buch wird ein Bestseller: Innerhalb von nur drei Tagen war die gesamte erste Auflage von 2.500 Stück verkauft und musste nachgedruckt werden. "Seit der Veröffentlichung von 'Die Entstehung der Arten' hat kein wissenschaftliches Buch mehr Aufmerksamkeit hervorgerufen als Mr. Darwins neue Arbeit über die Abstammung des Menschen", schrien ein Rezensent damals in "The Edinburgh Review".

Und wie schon Darwins erstes Werk sorgt auch dieses Buch für heftige Diskussionen: "Im Salon konkurriert es mit dem neuesten Roman und im Studierzimmer beunruhigt es gleicherweise Wissenschaftler, Ethiker und Theologen. Überall ruft es einen Sturm, gemischt aus Zorn, Erstaunen und Bewunderung, hervor", heißt es in der Rezension. Die Vorstellung, dass Tier und Mensch das Produkt einer gemeinsamen Entwicklung sind und dass auch der Mensch den Gesetzmäßigkeiten der Evolution unterworfen sein soll, erscheint vielen Zeitgenossen geradezu abstrus. Für religiöse Kreise grenzen Darwins Ausführungen an Häresie.

Titelseiten der englischen Ausgabe (l.) von "The Descent of Man, and Selection in Relation to Sex" und der noch im gleichen Jahr erschienen deutschen Übersetzung (r.)
Titelseiten der englischen Ausgabe (l.) von "The Descent of Man, and Selection in Relation to Sex" und der noch im gleichen Jahr erschienen deutschen Übersetzung (r.)

Darwins Sicht auf die Evolution des Menschen

Was aber stand drin in dem so umstrittenen Werk?  Im ersten Teil beschreibt Darwin detailliert, wie sich die Vorfahren des Menschen aus einer "niederen Form" entwickelten. Für ihn ist klar, dass dabei sowohl körperliche Merkmale wie auch geistige Fähigkeiten des Menschen sich erst nach und nach im Laufe dieser Evolution ausprägten. In einem Vorgriff auf spätere Erkenntnisse postuliert Darwin zudem bereits, dass die Wiege der Menschheit in Afrika lag.

In diesem Teil legt Darwin auch dar, dass die Menschheit seiner Ansicht nach aus nur einer Art besteht. Er sieht daher die damals als "Menschenrassen" eingestuften Unterschiede anders als viele seiner Zeitgenossen nicht als echte Unterarten oder Rassen an. Für ihn sind daher auch Naturvölker oder Menschen aus Afrika biologisch gesehen vollwertige Mitglieder der Spezies Mensch.

Allerdings war Darwin dennoch davon überzeugt, dass es intellektuelle und moralische Unterschiede zwischen den Völkern und Hautfarben gab. Für ihn waren die Europäer die am weitesten entwickelte Form des Menschen. Dementsprechend sprach er - wie damals in europäischen Kreisen üblich - ganz selbstverständlich von „den Wilden“, wenn er indigene Bevölkerungen meinte.

Die sexuelle Selektion und die Hierarchie der Geschlechter

Im zweiten Teil des Buches beschreibt Darwin umfassend und an Beispielen aus dem gesamten Tierreiche das Prinzip der sexuellen Selektion, die Auswahl von Partnern durch das andere Geschlecht. Mit dieser Theorie konnte Darwin Phänomene wie das Hirschgeweih erklären, die es aufgrund der natürlichen Selektion nicht geben dürfte. Im dritten Teil des Werks überträgt der Naturforscher dann das Prinzip der sexuellen Selektion auf den Menschen.

In diesem Zusammenhang äußert sich Darwin auch über die Rolle und Hierarchie der Geschlechter -und ist auch dabei ganz Kind seiner – sexistischen – Zeit. Er versucht auf biologische Weise zu begründen, warum Mann und Frau sich unterscheiden. Für ihn ist zudem klar, dass das männliche Geschlecht dem weiblichen nicht nur in Kraft, sondern auch in Intellekt und Kreativität überlegen ist. Bei Frauen führt er die angeblich besonders ausgeprägten Stärken wie Selbstlosigkeit, Sanftmut oder Intuition auf ihre mütterlichen Instinkte zurück oder aber begründet sie mit dem noch primitiveren Entwicklungsstand der Frauen gegenüber den Männern.

NPO, 24.02.2021
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