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Bystander-Effekt: Wenn im Notfall die Hilfe ausbleibt

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 Notruf per Handy
Das Handy spielt in Notfällen ein zwiespältige Rolle: Einerseits erlaubt es die rasche Absetzung eines Notrufs, andererseits verführt es viele Menschen dazu, Unfälle zu filmen und dabei Rettungsarbeiten sogar zu behindern.
Die Frage der Verantwortung

Noch wichtiger aber ist die Anwesenheit und das Verhalten der anderen Passanten: Wer allein auf einen Hilfsbedürftigen trifft, weiß, dass es auf ihn ankommt  - er kann die Verantwortung nicht auf jemand anderen abwälzen. Bei einer Gruppe von Menschen aber sieht dies schon anders aus. Tun auch sie nichts, schätzt der Einzelne vielleicht die Situation falsch ein: "Wenn noch kein anderer eingegriffen hat, kann es ja nicht so schlimm sein", beschreibt der Notarzt Jan Thorsten Gräsner die typische Reaktion.  So denken viele. Pluralistische Ignoranz ist der Fachbegriff für dieses Verhalten.

Sind noch viele andere in der Nähe, glauben wir zudem gerne, dass bestimmt einer der andern kompetenter helfen kann. Wir fühlen uns nicht mehr verantwortlich. Studien zeigen, dass Verantwortungsgefühl des Einzelnen abnimmt, je höher die Anzahl der Zeugen ist. Als Folge hofft jeder insgeheim, dass sich die anderen um den Hilfsbedürftigen kümmern – und im Endeffekt tut es dann keiner.

 "Stehen viele Menschen um einen herum, hilft es, sie direkt anzusprechen: 'Du rufst den Rettungsdienst!', 'Du hilfst mir beim Reanimieren', oder 'Du gehst einen Defibrillator suchen!'", rät Gräsner. "Denn Menschen, die eine Verantwortung übertragen bekommen, sind eher bereit zu helfen."

Die Angst vor falschem Helfen

Hat man sich dann entschieden, dem Opfer zu helfen, sind viele Menschen unsicher, was sie genau tun sollen. Was ist, wenn sie dem Betroffenen sogar aus Versehen schaden? Grundsätzlich gilt jedoch: Nichthelfen ist immer strafbar – es ist unterlassene Hilfeleistung. Wer dagegen hilft, aber vielleicht nicht ganz fachkundig, tut in jedem Falle das Richtige. Zudem gibt es in Deutschland keinen Fall, in dem ein Retter wegen gebrochener Rippen, eines zerschnittenen T-Shirts oder anderer Schäden durch seine Erste-Hilfe-Maßnahmen verklagt worden ist, wie der Notarzt betont.

Gegen die Unsicherheit kann auch der Anruf bei der Rettungsleitstelle helfen: "Immer mehr Leitstellen führen im Notfall durch eine Reanimation: Sprich, sie bleiben die ganze Zeit am Telefon und geben genaue Anweisungen, was zu tun ist - bis der Rettungsdienst eingetroffen ist", erklärt Gräsner. "Das nimmt die Angst, etwas falsch zu machen." Hilfreich ist es auch, wenn man schon mal einen Erste-Hilfe-Kurs gemacht hat und ihn auch ab und zu auffrischt. "Regelmäßige Auffrischungskurse stärken das Vertrauen in die eigenen Fertig- und Fähigkeiten", sagt der Experte.

In jedem Falle gilt: Wenigstens den Notarzt rufen kann jeder – und wenn viele wegen des gleichen Falles anrufen ist es besser als wenn es gar keiner tut. Und auch Maßnahmen wie eine Beatmung bei Atemstillstand oder eine Herzdruckmassage bei Herzstillstand sind einfacher als viele glauben. "Schauen Sie im Notfall nicht weg, Ihr Eingreifen rettet Leben!", appelliert Gräsner.

NPO, 19.01.2017
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