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Aufstand im Warschauer Ghetto: Als die Juden zurückschlugen

Vor 75 Jahren wollten die deutschen Nationalsozialisten die letzten in Warschau lebenden Juden in Vernichtungslager deportieren. Doch ihnen schlug organisierter Widerstand entgegen: Bewaffnete jüdische Aufstände wehrten sich gegen die Aktion der Besatzungsmacht - und lieferten sich mehrere Wochen lang erbitterte Gefechte mit den Deutschen. Ihre mutige Revolte ging in die Geschichte ein.

Mauer um das Warschauer Ghetto
Das Warschauer Ghetto wurde von den deutschen Besatzern Ende 1940 eingerichtet und mit einer 18 Kilometer langen und 3 Meter hohen Mauer abgeriegelt. Bis zu 450.000 Menschen wurden auf einer Fläche von nicht einmal 3,5 Quadratkilometern zusammengepfercht.

Sie hatten nichts mehr zu verlieren: Nach der Besetzung durch Nazi-Deutschland waren die Juden in Warschau wie in anderen polnischen Städten in Ghettos zusammengepfercht worden. Dort, wo vor dem Krieg etwa 80.000 Menschen gelebt hatten, mussten nun zeitweise 450.000 von ihnen dicht gedrängt wohnen. Und dann kamen die Deportationen.

Ab dem Sommer 1942 mussten die Warschauer Juden Tag für Tag mit ansehen, wie Nachbarn, Freunde, Bekannte und Verwandte von den Nationalsozialisten in Viehwaggons gesteckt wurden - um nie mehr zurückzukehren. Binnen weniger Monate wurden damals 300.000 Ghettobewohner deportiert. Die meisten kamen in das nahegelegene Vernichtungslager Treblinka.

Widerstand formiert sich

Nach diesen Massendeportationen schien klar: Die Deutschen würden ihre auf der Wannseekonferenz beschlossene "Endlösung" erbarmungslos durchziehen. Doch nicht alle der letzten verbliebenen Menschen im jüdischen Ghetto der Hauptstadt wollten sich ihrem Schicksal widerstandslos hingeben.

Viele vor allem junge Leute - darunter Zionisten, Kommunisten und Vertreter des jüdischen Arbeiterbunds - vereinigten sich zur Jüdischen Kampforganisation. Sie beschafften sich im Untergrund Waffen, bauten Verstecke und Bunker aus - alles, um auf den nächsten Schlag der Nationalsozialisten vorbereitet zu sein. Ein erstes Mal wollten sie sich nicht hilflos fügen, sondern dem Feind mutig entgegentreten.

Gefangene Aufständische im Warschauer Ghetto, Mai 1943
Drei Wochen lang kämpften die nur rund zählenden 220 Männer und Frauen der „Jüdischen Kampforganisationgegen“ gegen die hochgerüsteten und zahlenmäßig weit überlegenen SS-Truppen.

Überrumpelte Deutsche

Im Januar 1943 marschierten die Deutschen wieder in das Warschauer Ghetto ein und wurden von den Juden schon kampfeslustig erwartet. Nach nur vier Tagen stellten die SS-Kommandos die Deportationen ein - ein erster Erfolg für die Widerstandskämpfer. Doch die Nazis kamen zurück: Am 19. April, ausgerechnet in der jüdischen Festwoche Pessach, umstellten sie den Bezirk mit Panzern und Panzerwagen. Die letzten Juden sollten endgültig aus Warschau verschwinden.

Die Kampforganisation unter Leitung von Mordechaj Anielewicz schlug sofort beim Einmarsch der ersten Deutschen zu. Hunderte Frauen und Männer bombardieren die Soldaten mit selbst gebastelten Granaten und Molotowcocktails. Der Überraschungseffekt war auf ihrer Seite. Die Deutschen waren überrumpelt.

Deutsche Soldaten im brennenden Warschauer Ghetto, Mai 1943
Der Widerstand zwingt die deutschen Besatzer zu einer Änderung ihrer Taktik: Der SS- und Polizeiführer Jürgen Stroop, der das Kommando über die Verbände übernimmt, lässt ab Mitte April 1943 systematisch ganze Häuserzeilen in Brand setzen und sprengen.

David gegen Goliath

Vier Wochen lang leisteten sich die Juden mit den Nazis erbitterte Gefechte und gaben nicht auf. Doch es war ein Kampf wie bei David gegen Goliath. Die jüdischen Rebellen waren unerfahren, schlecht ausgerüstet und hatten keine militärische Ausbildung. Und die Nationalsozialisten gingen gnadenlos vor: Unter dem Kommando des SS-Führers Jürgen Stroop setzten sie systematisch ganze Häuser in Brand oder sprengten sie. Potenzielle Verstecke wie Keller und Kanäle fluteten sie mit Wasser oder Gas.

Auch der jüdischen Kampforganisation selbst war klar, dass sie die Reste ihrer Gemeinde nicht dauerhaft vor der Deportation durch die überlegenen Deutschen würde schützen können. Darum aber ging es ihr auch gar nicht: "Wir wollen nicht Leben retten, wir wollen unsere Würde retten", erklärten die Widerstandskämpfer.

Abtransport von Zivilisten in die Vernichtungslager nach der Niederschlagung des Aufstands, Mai 1943
Auf die Niederschlagung des Aufstands folgte der Abtransport der überlebenden Zivilisten in die Vernichtungslager (Mai 1943)

Der Traum der Selbstverteidigung

Am 16. Mai wurde der Aufstand schließlich zerschlagen. SS-Führer Stroop meldete: "Es gibt keinen jüdischen Wohnbezirk in Warschau mehr. Mit dem Sprengen der Warschauer Synagoge wurde die Großaktion um 20.15 Uhr beendet." 56.000 Menschen wurden bis dahin erschossen oder deportiert - Menschen, die gezeigt hatten, dass die Deutschen nicht unantastbar waren und dass Juden sich selbst verteidigen konnten.

In einem seiner letzten Briefe schrieb Anführer Anielewicz: "Am wichtigsten ist, dass der Traum meines Lebens wahr geworden ist. Jüdische Selbstverteidigung im Ghetto ist verwirklicht worden. Vergeltung und Widerstand von jüdischer Seite ist eine Tatsache geworden."

DAL, 19.04.2018
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