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Armin Mueller-Stahl: Rollenspiel

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“Alles will nach oben“

Und doch: In Mueller-Stahls Mann-Verkörperung steckt noch mehr, was bei der Lektüre des Dichters verborgen bleibt: Es ist der Wunsch nach Aussöhnung eines Geschmähten - ein Schicksal, das Mueller-Stahl in DDR-Zeiten selbst erfuhr, als er nach Parteinahme für den Schriftstellerkollegen Biermann mit einem Berufsverbot von drei Jahren belegt wurde.
Rollenspiel, die Tagebuch-Aufzeichnungen während der Dreharbeiten zu Die Manns, unterstreichen diese Sehnsucht nach einem Frieden mit der eigenen Vergangenheit exemplarisch. Die 228 Seiten starke, mit über hundert eigenen Zeichnungen ausgeschmückte Dokumentation liest sich wie das unaufdringliche Gedankenspiel eines Veteranen, der angekommen ist - eben jene würdevolle Geisteshaltung, die Mueller-Stahl selbst im Film ausstrahlt.
Das Verhältnis zum Menschen Thomas Mann ist dabei freilich differenziert und frei von Huldigungen. In raren, aber höchst aufschlussreichen Passagen bezieht Mueller-Stahl zum Dichterfürsten Stellung - etwa, wenn er sich dem “Mythos Mann“ durch Zeichnungen nähert: “Es ist die innere Triebkraft, die Aufwärtsbewegung, die Thomas Mann auszeichnet. Ich versuche, ihn mit einem Strich zu zeichnen. Es funktioniert nicht, man muss ihn stricheln, von unten nach oben, der Mund, die Nase, die Augenbrauen, alles will nach oben, erst so entsteht Ähnlichkeit.“

Rührendes Selbstzeugnis

Die Erzähltechnik der Tagebuch-Aufzeichnungen ist meisterhaft: In knappen Sätzen verbindet Mueller-Stahl politische Geschehnisse mit Privatem. Dabei entstehen durchaus heitere Passagen: Etwa, wenn der Oscar-Nominierte schildert, wie er, ausnahmsweise einmal bereitwillig, einem weiblichen Fan einen Autogrammwunsch erfüllt - aufs T-Shirt, direkt zwischen die Brüste; oder etwa als Mueller-Stahl über jenes kuriose weltpolitische Ereignis vom September 2000 philosophiert, als Fidel Castro und der damalige US-Präsident Clinton einen historischen Handschlag besiegeln, der plötzlich von beiden Seiten wegdiskutiert werden soll: “Frieden aus Versehen“, merkt der Schauspieler an.
Begeisterte Zuschauer des Dreiteilers mögen indes auf den ersten Blick enttäuscht sein: Rollenspiel ist nicht so sehr ein Blick hinter die Kulissen Der Manns, nicht so sehr das Buch zum Film - die tagebuchartigen Aufzeichnungen graben tiefer als dies eine filmische Dokumentation könnte. Rollenspiel ist vor allem das mitunter rührende Selbstzeugnis eines großen Schauspielers in Dankbarkeit, in Wertschätzung seines eigenen erfüllten Lebens, das ihm Rollen wie des Nobelpreisträgers Thomas Mann bescherte.
Wenn Mueller-Stahl am letzten Drehtag die Arbeit am Filmprojekt Revue passieren lässt, dann klingt das fast wie die Bilanz seines eigenen Schauspielerlebens: “Da steh ich nun, ich armer Tor. Fünf Monate war ich der Thomas, der ich nicht gerne achtzig Jahre gewesen wäre. Stattdessen bin ich nun fast siebzig Jahre ich selbst, mit kurzen Rollenspielen dazwischen, und bin ich glücklicher mit meinen siebzig, als Thomas es mit seinen achtzig war?“

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