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Alpenüberquerung - ein Trend für jedermann?

Hannibal hat es mit seinem Heer getan und Goethe bei seiner Italienreise: die Alpen überquert. Das höchste Gebirge im Inneren Europas einmal aus eigener Kraft zu überwinden, diesen Traum hegen inzwischen immer mehr Menschen. Doch was ist eigentlich das Faszinierende an Alpenüberquerungen? Für wen eignet sich dieses ambitionierte Vorhaben - und was gilt es bei der Planung zu beachten?

Bergwanderer im Nationalpark Berchtesgaden
Eine Wanderung zu Fuß und quer durch die Alpen ist für viele ein Traum.
Ob zu Fuß oder mit dem Fahrrad: Immer mehr Menschen erfüllen sich den Traum einer Alpenüberquerung. Als Geschäftsführer eines auf Alpenüberquerungen spezialisierten Unternehmens hat Wolfgang Sareiter einige Erfahrung mit diesem besonderen Reisevorhaben. Er erklärt im Interview, was es mit dem Trend Alpenüberquerung auf sich hat und gibt Tipps für die praktische Umsetzung.

Herr Sareiter, warum erleben Alpenüberquerungen seit einigen Jahren einen Boom?

Gerade in der heutigen schnelllebigen Zeit merken wir einen klaren Trend der Entschleunigung. Mal nicht erreichbar zu sein, die Natur zu genießen und auf dem Weg Dinge zu sehen, die einem sonst verborgen bleiben oder an einem vorbeirauschen. Das ist es, auf das man sich bei einer solchen Reise konzentriert. Ohne Handyempfang und im Kampf gegen den inneren Schweinehund kann man wieder zu sich selbst und dem wirklich Wichtigen im Leben finden.

Für wen ist eine Alpenüberquerung denn überhaupt machbar?

Grundsätzlich kann jeder mit einer gewissen Grundfitness eine Alpenüberquerung bewältigen. Jemandem der sich selbst nicht einschätzen kann und das erste Mal eine Überquerung unternimmt, empfehlen wir eine gemütliche Variante. Für Erfahrene gibt es anspruchsvolle Etappen wie den Europäischen Fernwanderweg E5.

Alpenrosen in der Höhenlage des Pitztals
Höhenlage des Pitztals am Fernwanderweg E5.

Muss man bestimmte Grundvoraussetzungen erfüllen?

Es kommt immer darauf an, was man machen möchte. Eine gewisse Grundfitness sowie Trittsicherheit sollten auf jeden Fall vorhanden sein und schwierige Touren nur begangen werden, wenn man bereits Erfahrung in den Bergen gesammelt hat - zumal schwere Routen oftmals auch besonderes Material wie Steigeisen verlangen. Entscheidet man sich allerdings für eine gemütliche Variante, kann man hier auch seine ersten Erfahrungen sammeln und benötigt keine besonderen Vorkenntnisse.

Leiterbrücke am Gipfel des Steinschartenkopf
Leiterbrücken wie hier am Steinschartenkopf sind zwar nicht die Norm, aber viele Routen verlangen Trittfestigkeit und Schwindelfreiheit.

Worauf ist bei der Planung zu achten?

Bei einer individuellen Planung fällt natürlich ein immenser Recherche- und Vergleichsaufwand an. Routenplanung und Zeitmanagement für die jeweiligen Tagesetappen, Unterkünfte und gegebenenfalls Transfers für sich selbst oder das Gepäck recherchieren sowie buchen, die passende Versicherung für die Reise abschließen, Kartenmaterial organisieren - all dies sind Dinge, die die Vorbereitung für eine solche Unternehmung sehr komplex und aufwändig gestalten. Bucht man dagegen einen Aktiv-Urlaub bei einem Reiseanbieter, wird das vom Veranstalter übernommen.

Welche Ausrüstung wird für eine Alpenüberquerung benötigt?

Bei einer Überquerung der Alpen begibt man sich in alpine Gefilde und diesem Terrain sollte auch die Ausrüstung angepasst sein. Festes Trekking-Schuhwerk und wetterfeste Kleidung sind ein Muss. Außerdem sollten für die jeweiligen Tagesetappen ausreichend Getränke und eine Jause eingepackt werden. Zudem ist es bei jeder Bergtour ratsam, Wechselkleidung dabei zu haben, um zum Beispiel verschwitze Bekleidung vor dem Abstieg durch trockene zu ersetzen. Was im Rucksack nie fehlen sollte, egal ob Wander- oder Radtour, ist ein Erste-Hilfe-Set.

Sind Alpenüberquerungen auch für Familien geeignet?

Wir empfehlen eine Alpenüberquerung eigentlich erst ab einem Alter von 14 Jahren. Allerdings können Eltern ihre Kinder natürlich am besten einschätzen. Für Familien mit kleineren Kindern gibt es zahlreiche andere Wanderrouten, die sich hervorragend als Familienreise eignen. So kann man sich dann langsam an das große Ziel der Alpenüberquerung herantasten.

Fahrradfahrer auf einer abschüssigen Strecke im Val Poschavio in Graubünden
Auch für Fahrradfahrer haben sich dank Internet und GPS-Tracking die Tourplanung und Orientierung stark vereinfacht.

Gibt es saisonale Beschränkungen für eine Alpenüberquerung?

Die Hauptsaison für Alpenüberquerungen ist der frühe Sommer bis Herbst, von Juni bis Mitte Oktober. Da der Schnee in den Bergen um einiges länger liegen bleibt als im Tal, sind frühere Termine wenig sinnvoll und können beispielsweise durch Lawinen schnell gefährlich werden. Der viele Schnee des letzten Winters ist ein gutes Beispiel hierfür, bis in den Sommer lag noch immer eine dichte Schneedecke in höheren Lagen und hat vielen Hütten eine verspätete Öffnung beschert.

Rifugio Achille Papa, Pasubio
Die wachsende Zahl an Reisenden birgt neue Herausforderungen. Wer Abgeschiedenheit in den Bergen sucht, muss schon heute eine Bogen um die klassischen Strecken machen.

Wo sehen Sie die Alpenüberquerung in den nächsten Jahren?

Der Boom für diese Art Reise wird auch in Zukunft nicht abreißen. Durch den Stress im Alltag werden die Menschen in ihrer Freizeit auch weiterhin die Ruhe und Abgeschiedenheit suchen. Da birgt vor allem die wachsende Zahl an Reisenden neue Herausforderungen. Wenn die Abgeschiedenheit in den Bergen verloren geht, wird auch das Interesse an solchen Reisen zurückgehen. Daher müssen neue Routen und neue Angebote für Alpenüberquerungen geschaffen werden - und zwar immer im Einklang mit der Natur. Die Menschen gehen schon seit jeher über die Alpen und das werden sie mit Sicherheit auch zukünftig noch tun.

Feuer und Eis Touristik / DAL, 27.08.2019
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