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Ablenkung am Steuer - Wenn Unaufmerksamkeit in den Gegenverkehr führt

Aus einer Wasserflasche trinken, ein Päckchen Taschentücher öffnen oder eine Nachricht auf dem Handy lesen und beantworten - alles alltägliche Tätigkeiten, die normalerweise keine besonderen Fähigkeiten voraussetzen. Werden sie jedoch während der Fahrt mit einem Pkw, auf einem Fahrrad oder E-Scooter erledigt, kann es gefährlich werden, wie aktuelle Tests des ADAC verdeutlichen.

Abgelenkte Fahrerin
Nebenbeschäftigungen im Auto beeinträchtigen grundsätzlich die Aufmerksamkeit und das Reaktionsvermögen der fahrenden Person.

Beim Autofahren ist es nichts Neues mehr: Schon häufiger haben Tests gezeigt, dass selbst vermeintlich harmlose Ablenkungen die Fahrsicherheit akut gefährden können. Dennoch wird das

Risiko häufig unterschätzt und Unfälle durch Unaufmerksamkeit sind keine Seltenheit. Eine Studie des ADAC zeigt nun, dass jede Nebentätigkeit, so banal sie erscheinen mag, messbare Auswirkungen auf das Fahrverhalten hat – und das nicht nur beim Autofahren, sondern auch dem Fahrrad oder E-Scooter.

Fahrtests mit Ablenkungen

Im Rahmen der Studie absolvierten 45 Teilnehmer mit dem Auto, per Fahrrad oder auf einem E-Scooter jeweils drei Fahrten auf speziellen Teststrecken. Zunächst mussten sie lediglich das Tempolimit und Verkehrsschilder beachten. In den beiden folgenden Durchgängen führten sie beim Fahren ablenkende Tätigkeiten aus, die in der Realität häufig zu beobachten sind - ein Ziel in ein Navigationsgerät eingeben, das Smartphone zum Schreiben einer Nachricht nutzen oder ein Objekt im Straßenraum suchen. Anschließend verglichen die Forscher die Unterschiede im Fahrverhalten zwischen der ersten Runde und den "Ablenkungsrunden".

Autofahrer beim Blick aufs Smartphone
Ablenkung am Steuer.

Größte Risikofaktoren

Es zeigte sich: Bereits das Öffnen einer Packung Taschentücher beim Autofahren führt dazu, dass der Blick des Fahrers sekundenlang nicht mehr auf die Straße gerichtet ist. Und das darf nicht unterschätzt werden: Mit jedem Blindflug wird ein Risiko eingegangen - für sich selbst und alle anderen Verkehrsteilnehmer.

Als besonders gefährlich erwies sich das Lesen oder Verfassen von SMS, E-Mails oder WhatsApp-Nachrichten. Bei den Testfahrten zeigte sich, dass mehr als ein Drittel aller Probanden dadurch einmal die Mittellinie überfuhren, 20 Prozent sogar öfter. Dabei befanden sich die Fahrzeuge bis zu vier Sekunden im Gegenverkehr, ein Proband war mit seinem Fahrzeug sogar zehn Sekunden auf einer Strecke von 130 Metern auf der falschen Fahrbahn unterwegs.

Im Ernstfall könnte der Fahrer dabei mit hoher Geschwindigkeit auf ein entgegenkommendes Fahrzeug oder ein anderes Hindernis aufprallen. Auch Fahrrad- und E-Scooter-Fahrer missachteten durch die Ablenkung wichtige Verkehrsregeln: Es kam zu überfahrenen Stoppschildern und plötzlichem Abbremsen.

Sonderrolle E-Scooter

Laut ADAC nehmen die Fahrten mit dem E-Scooter eine Sonderrolle ein – sie sind bei Ablenkung besonders unfallträchtig. Im Gegensatz zum Radfahren scheint das Fahren mit diesen motorisierten Rollern bereits ohne Nebentätigkeiten anspruchsvoller zu sein. Wenn dann im Test mit etwa mit einem Smartphone oder einer Wasserflasche hantiert wurde, kam es häufiger sogar zu Stürzen.

Fahrrad- und E-Scooter-Fahrer verringerten ihr Tempo während der Ablenkung zudem deutlich und wurden dadurch merklich unsicherer, wie der ADAC berichtet. Aufgrund des mangelnden Fokus der Probanden kam es zu Balance- und Lenkschwierigkeiten, aber auch fehlenden Handzeichen und Sicherungsblicken.

Wie gefährlich es ist, die Risiken beim E-Scooter-Fahren zu unterschätzen, beweisen auch die ersten Unfallzahlen zu E-Scootern auf deutschen Straßen: Von Januar bis März 2020 registrierte die Polizei in Deutschland insgesamt 251 Unfälle mit E-Scootern, bei denen Menschen verletzt oder getötet wurden. Laut Statistischem Bundesamt starb ein E-Scooter-Nutzer, 39 wurden schwer verletzt und 182 leicht.

E-Scooter-Fahrerin beim Trinken währen der Fahrt
Nur mit einer Hand am Lenkrad und durch das Trinken abgelenkt - da hilft auch der Helm nur bedingt.

Für jeden eine Gefahr

Egal wie fit oder wie erfahren eine Person ist: Ablenkung im Straßenverkehr kann immer unkalkulierbare Folgen haben. Denn niemand ist in der Lage, alles gleichzeitig zu erfassen. Die aktuellen Testergebnisse beweisen es: Trotz guter Reaktionszeiten, die unmittelbar vor der Testfahrt erhoben wurden, konnten die getesteten Pkw-Fahrer zum Beispiel unerwarteten Ereignissen in neun von zehn Fällen nicht rechtzeitig ausweichen.

Auffällig ist auch die falsche Selbsteinschätzung: Trotz zahlreicher Fahrfehler wie etwa dem Hinüberdriften auf die Gegenfahrbahn mit dem Pkw oder dem Überfahren von Stoppschildern mit dem Fahrrad und E-Scooter fiel die Selbstbeurteilung der Probanden insgesamt positiv aus.

In Versuchung kommen

Aber warum lassen wir uns überhaupt ablenken? Die Versuchung, sich durchs Handy, durch das Trinken oder andere Alltagstätigkeiten vom Fahren abzulenken, ist groß. Einige dieser Nebentätigkeiten erscheinen als willkommene Abwechslung von einer langweiligen Fahrt. Auch der wachsende Druck, ständig erreichbar zu sein, lenkt die Hand oft zum Smartphone. Allein 20 Prozent der getesteten Probanden gaben zu, häufig während der Fahrt Nachrichten auf dem Smartphone zu lesen.  Auch konnte der ADAC das vermehrte Tragen von Kopfhörern während des Radfahrens feststellen. Als Fahrer zu glauben, man habe trotz Ablenkung stets die Kontrolle über sein Fahrzeug trügt: Im Straßenverkehr werden etwa 90 Prozent der relevanten Informationen über die Augen aufgenommen.

So ist die Rechtslage

Abgesehen davon, dass Ablenkung an Steuer und Lenker den Fahrer und andere gefährden kann, kann es auch teuer werden: Im Straßenverkehr ist das Telefonieren mit dem Handy am Ohr gesetzlich verboten. Auch sämtliches anderes Hantieren mit elektronischen Geräten wie dem Navi dürfen Fahrer – auch Radfahrer - nicht während der Fahrt durchführen. Einen Ausnahme ist der Blick auf Smartphone, Tablet & Co, wenn diese sich in einer Halterung befinden oder eingebaut sind.

Aber auch dann ist Vorsicht geboten: Sie dürfen nur kurz zum Gerät blicken und das nur, soweit es die Straßen-, Verkehrs-, Sicht- und Wetterverhältnisse erlauben. Andernfalls droht ein Bußgeld.

Neben Bußgeldern muss je nach Vergehen und Folgen auch mit Punkten in Flensburg oder sogar Fahrverboten gerechnet werden. Angefangen bei Radfahrern, die 55 Euro für die Nutzung des Handys zahlen, bis hin zu 200 Euro Bußgeld, zwei Punkten und einem Monat Fahrverbot für Pkw-Fahrten, bei denen es durchs Telefonieren zu Unfällen mit Sachbeschädigung kommt.

Das rät der ADAC

Experten beim ADAC bestätigen, dass vielen Menschen das Risiko durch Ablenkung nicht ausreichend bewusst ist, und fordern erhöhte Aufklärungs- und Sensibilisierungsarbeit. Um die mögliche Ablenkung durch technische Ausstattung so gering wie möglich zu halten, sollten technische Geräte so gestaltet sein, dass sie in ihrer Bedienung den Blick nicht unnötig lange von der Straße ablenken. Eine Sensibilisierung für die Gefahren jeglicher Ablenkung vom Verkehr sollte bereits in der frühen Verkehrserziehung sowie der Fahrausbildung erfolgen.

ABO / ADAC, 07.08.2020
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