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55 Jahre Antibabypille

Kleine Tablette mit großer Wirkung: Am 18. August 1960 kam in Amerika ein Medikament auf den Markt, das das Leben vieler Frauen auf der ganzen Welt nachhaltig verändern sollte: die Antibabypille. Sie ermöglichte erstmals eine freiere Lebensplanung und sexuelle Selbstbestimmung – und ist heute eines der beliebtesten und sichersten Verhütungsmittel.

Monatspackung einer Antibabypille mit Richtungspfeilen
Typische Verpackung der Antibabypille

Enovid – so lautete der Name des Präparats, das vor mehr als einem halben Jahrhundert in den USA als erste Antibabypille auf den Markt kam. Frauen war es damit ab 1960 erstmals möglich, mithilfe von Hormonen in Tablettenform oral zu verhüten. Theoretisch wäre das schon ab 1957 möglich gewesen. Seitdem wurde die von den Physiologen Gregory Pincus und John Rock entwickelte Pille nämlich bereits vermarktet – allerdings ausschließlich als Medikament gegen Menstruationsbeschwerden. Die Zulassung als Mittel zur Empfängnisverhütung erfolgte erst drei Jahre später. Nur ein Jahr danach gab es die erste Antibabypille auch in Westdeutschland zu kaufen, 1965 schließlich in der DDR. Und obwohl konservative Vertreter aus der Politik sowie die römisch-katholische Kirche gegen das in ihren Augen unmoralische neue Medikament Sturm liefen und die Pille zunächst nur Verheirateten verschrieben wurde, schluckten von Jahr zu Jahr immer mehr Frauen die kleinen Dragees – der Beginn einer noch immer währenden Erfolgsgeschichte.

Den Weg für die Geburt der Pille geebnet hatten wissenschaftliche Entdeckungen zu Beginn der 1950er Jahre. Damals war dem Chemiker Carl Djerassi gemeinsam mit zwei Kollegen die Herstellung des Hormons Norethisteron gelungen. Der synthetische Botenstoff wirkte wie natürliche Gestagene des Körpers, besser bekannt als Schwangerschaftshormone. Diese werden während einer Schwangerschaft gebildet, um in dieser Zeit einen weiteren Eisprung zu verhindern. Diesen Effekt konnte man nun erstmals künstlich erzielen und auf dieser Grundlage ein orales Verhütungsmittel entwickeln. Djerassi brachte seine Entdeckung deshalb den Namen „Mutter der Pille“ ein.

Dreifacher Schutz vor Schwangerschaft

Künstlich hergestellte Gestagene sind auch heute noch der wichtigste Inhaltsstoff der Pille. Meistens werden sie in Kombination mit einem Stoff aus der zweiten Gruppe der weiblichen Sexualhormone verwendet, den sogenannten Östrogenen. Eine Ausnahme bildet die Minipille: Sie enthält ausschließlich Gestagen.

Die Hormone in der Pille schützen den Körper gleich dreifach vor einer Schwangerschaft: Zum einen hemmen sie den Eisprung, sodass der gesamte Zyklus der Frau aus unfruchtbaren Tagen besteht. Außerdem verschließen sie den Spermien den Weg durch den Gebärmutterhalskanal und sorgen zusätzlich dafür, dass die Gebärmutterschleimhaut nur ungenügend aufgebaut wird. Wird doch einmal ein Ei befruchtet, hat es so kaum eine Chance, sich in der Gebärmutter einzunisten.

Diese Eigenschaften machen die Pille bei richtiger Anwendung zu einem der sichersten Mittel gegen eine unbeabsichtigte Empfängnis. Ihr Pearl-Index liegt bei 0,1 bis 0,9. Dieser Wert gibt die Verhütungssicherheit an und besagt, wie viele von 100 Frauen, die regelmäßig Geschlechtsverkehr haben, trotz korrekter Verhütung schwanger werden. Von 1.000 Frauen werden mit der herkömmlichen Pille pro Jahr somit zwischen einer und neun ungewollt schwanger. Zum Vergleich: mit dem Kondom sind es laut Pearl-Index 20 bis 120 Frauen.

Beliebter Begleiter mit Nebenwirkungen

Vor allem weil sie so zuverlässig und relativ unkompliziert umzusetzen ist, ist die Verhütung mit der Pille für über die Hälfte der Frauen in Deutschland schon seit mehreren Jahrzehnten die Methode der Wahl. Daneben sprechen für den Griff zur Pille eine oft schwächere und kürzere Menstruation sowie ein offenbar langfristig gemindertes Risiko, an Gebärmutterhalskrebs zu erkranken.

Doch die Antibabypille hat auch Nachteile. So schützt sie anders als das Kondom nicht vor sexuell übertragbaren Krankheiten wie HIV/ Aids und kann unangenehme und mitunter sogar gefährliche Nebenwirkungen haben. Diese können je nach Zusammensetzung des Präparats und individueller Verträglichkeit sehr unterschiedlich sein – von Übelkeit, über Gewichtszunahme, Stimmungsschwankungen und Libidoverlust bis hin zu einem erhöhten Risiko für Thrombosen und Embolien. Insgesamt ist die Pille heute jedoch um einiges harmloser als noch bei ihrer Einführung vor 55 Jahren. Denn die Pille von Pincus war im Vergleich zu aktuellen Präparaten eine heftige Hormonbombe: Ein einziges Dragee enthielt damals eine so hohe Hormondosis wie heute eine ganze Monatspackung.

DAL
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